Menschen, die mit Demenz leben, brauchen Unterstützung von außen.
Das ist fix.
Denn sie brauchen Sicherheit und Orientierung.
Diese geben ihnen am besten vertraute Personen - also die Familie.
Doch: wie können wir diese Unterstützung gelingend gestalten?
Als erstes fallen mir Worte wie
“menschlich, auf Augenhöhe, respektvoll, GEDULDIG, mit großem Verständnis … mit Liebe” ein.
Möglicherweise denken wir uns: “Na das ist doch selbstverständlich!”
JA
Im Alltag bemerken wir schnell, dass wir an unsere Grenzen kommen:
+ Können wir tatsächlich beim 100. mal bei ein und derselben Frage gleich freundlich sein?
+ Können wir einfach so hinnehmen, dass unser/e Partner/in oder unser Elternteil oder aber auch unser erwachsenes Kind
auf uns angewiesen ist?
nicht mehr die selbständige Person ist, die wir gewohnt sind?
+ Können wir eine Rollenumkehr (Eltern-Kind) bzw. eine Aufgabe der Partnerschaft hin zur/m pflegenden Angehörigen
einfach so ertragen?
+ Halten wir ein ständiges an uns Klammern bzw. Orientieren aus?
uvm.
Täglich, mit immer größeren Aufgaben, mehr Verlusten, mehr Einschränkungen.
Wenn wir uns das vorstellen, bemerken wir, welch immenses Werk da pflegende Angehörige vollbringen!
Wie wichtig ihr Tun ist!
Wir erkennen sofort, dass Freizeit, Ausgeglichenheit, Erholung … also Unterstützung von außen essentiell ist.
Wenn es uns möglich ist und wir im Verwandten- oder Bekanntenkreis Menschen wissen, die mit Demenz leben, dann bieten wir BITTE unsere Unterstützung an! Jede freie Stunde, ist eine gewonnene Stunde. Eine Stunde, in der man wieder Kraft schöpfen kann. Danke
Doch wie unterstützen wir nun im Sein mit Menschen, die mit Demenz leben, richtig?
JA, “menschlich, auf Augenhöhe, respektvoll, GEDULDIG, mit großem Verständnis … mit Liebe”l sind die beste Grundvoraussetzung.
Oberstes Prinzip ist “nur dann, wenn es notwendig ist. genau so viel, wie es nötig ist!”
Warum? Alles, was die/der Betroffene nicht selbst macht, verlernt sie/er um so schneller. Daher ist es wichtig, dass wir alles, was (noch) möglich ist, erledigen lassen. Dabei müssen wir wissen, dass sich das stetig ändert.
Es ist unendlich wichtig! Denn wir wollen unseren Schützling und nicht die Krankheit fördern. Außerdem ermöglichen wir so Erfolgserlebnisse. Fein ist es, wenn wir das Können angemessen betonen und loben. Das steigert den Selbstwert und gibt einfach ein gutes Gefühl.
Das gute Gefühl ist das, was dem Erkrankten ermöglicht mit der Krankheit zu leben.
Das heißt: wir lernen bitte richtiges Anleiten!
Wir leiten in kurzen Sätzen, mit präzisen und klaren Aussagen an und sprechen dabei langsam.
Wir überprüfen, ob wir verstanden wurden und warten, sodass unser Schützling ausreichend Zeit zum Nachdenken und Ausführen hat.
Ich weiß, es geht wesentlich schneller, wenn wir Gewünschtes selbst erledigen.
Der Nachteil ist, dass auch die Demenz schneller voranschreitet.
Wenn wir einen Termin einhalten müssen, beginnen wir gerne 1 Stunde vor dem Termin uns herzurichten. Menschen, die mit Demenz leben, brauchen Zeit. Zeit um sich zu orientieren und organisieren.
Termine sagen wir gerne erst kurz davor (nicht schon 1 Woche oder Tage davor). Denn die Unsicherheit, was da alles sein kann und wird, all die Fragen, die da entstehen, bereiten nur Chaos und Unwohlsein. Letztendlich führen sie auch zu Weigerung, Verlangsamung, Weinerlichkeit oder wie immer Ihr Schützling reagiert.
Wenn wir dringend etwas brauchen, ist es klug keinen Druck auszuüben. Unter Druck dauert alles ohnehin nur doppelt so lang. Druck erzeugt Gegendruck.
Die Lösung liegt in UNSERER GEDULD.
Wenn mal etwas schiefgeht, begeben wir uns gerne in die Beobachter-Position und überlegen, ob es wirklich ein Drama ist. Meistens können wir dies mit “nein” beantworten. Dann ist es um so hilfreicher, wenn wir gemeinsam darüber lachen, einfach wieder in die Freude und in das gute Gefühl kommen.
Seien wir ehrlich - was kann im Alltag so schlimm sein, dass wir es nicht auch von einer positiven bzw. lockeren Seite betrachten können. Bitte lachen wir immer gemeinsam!!! (niemals über …)
Lachen ist ohnehin ein Wundermittel - lachen Sie mit Ihrem Schützling so oft wie möglich. Der Tag ist ohnehin so anstrengend. Mit Demenz zu leben, kostet enorm viel Kraft. Da ist Lachen geradezu Urlaub!
Wenn Ihr Schützling sogenanntes “herausforderndes Verhalten” zeigt, begeben Sie sich bitte auf Ursachen-Suche. Anderes Verhalten hat IMMER einen Grund. Das können Stuhl- oder Harndrang, Hunger oder Durst, Schmerzen, Halluzinationen, Lärm, grelles Licht, Schatten uvm sein. Spielen Sie bitte Columbo bis Sie die Ursache herausgefunden haben. Nur so können Sie Unwohlsein vermeiden.
Außerdem gilt es mit hoher Kreativität und Flexibilität herauszufinden wie Sie Ihren Schützling Sicherheit und Orientierung schenken können. Was 1x funktioniert hat, muss nicht immer funktionieren.
Wenn wir etwas erzählt bekommen, was wir nicht für wahr empfinden (sehen, hören …), lassen wir das so stehen. Wir reden keinesfalls dagegen. Denn unser Schützling nimmt gerade so wahr. Für sie/ihn ist es echt! Wir können gerne mit großem Interesse nachfragen, was sie/er sieht oder meint. Selbstverständlich können wir sagen, dass wir das nicht so wahrnehmen, aber dennoch Glauben schenken.
Wenn es um Erinnerungen geht, die so nicht richtig sind, würde ich sie auch so stehen lassen. Denn Ihr Schützling hat sie jetzt gerade so in Erinnerung. Wahrscheinlich wird es ihr/ihm nicht möglich sein, umzudenken. Außerdem würden wir sagen, dass sie/er schon wieder nicht richtig liegt. Sie können kurz überprüfen “bist du dir sicher?” Dann ist es gut.
Dschalal ad-Din al-Rumi sagte: „Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort. Dort treffen wir uns.“
Dieser Gedanke ist für das Zusammenleben mit Menschen, die mit Demenz leben, so wertvoll. Verinnerlichen wir ihn gerne. Es geht ums glücklich Sein und nicht ums Recht Haben. Täte auch im Alltag gut, oder?
Es gäbe noch viele Punkte zum Aufzählen. Demenz ist genau so individuell wie wir Menschen sind. Daher funktioniert einmal dieser Trick, ein anderes mal ein anderer. Wichtig ist, dass wir offen, kreativ und zugewandt bleiben und einander auf Augenhöhe und mit großem Interesse begegnen. Wenn wir ein Gefühl des “gemeinsam schaffen wir das” vermitteln können, kommen wir in Sicherheit und Orientierung, Trost … (siehe Tom Kitwood´s Bedürfnis-Blume). Da kann die Welt wieder “heil” werden.
Am Ende eines Tages - wenn Ihr Schützling zufrieden, neutral oder gut gelaunt ist, vielleicht sogar mit Ihnen gelacht hat, dann dürfen Sie wissen, dass das das DANKE, das sie/er nicht mehr aussprechen kann, ist.
Dann wissen Sie, dass Sie alles richtig machen, dass Ihr Einsatz enorm unterstützend ist und dazu beiträgt mit der Krankheit leben zu können.
Die Erinnerung an Einzelheiten oder Tageserlebnisse wird wahrscheinlich nicht mehr da sein, aber das gute Gefühl, das Sie erzeugen, das bleibt bestehen. Darum geht´s.