Sagen & Märchen
Um Prigglitz ranken sich auch Sagen und Märchen. Sie erinnern an historische Ereignisse (Türken- und Franzosenzeit), teils stammen sie aus Dechant Schneiders Geistergeschichten, die in der Leitgeb-Chronik festgehalten sind.
Dechant Schneiders Geistergeschichten.
Die Sage vom Spulriesen
Der Spulriese ist, nach Dechant Schneiders Geistergeschichten, der Schutzpatron der Rothenwand, die er mit Argusaugen bewacht, damit ihr kein Leid geschehe. Er schläft unter dem Gahnsboden, im einstigen Riesenfass, von wo er in gewissen Abständen als Männlein herauskriecht, sich auf den Webstuhl setzt und bei dieser Gelegenheit die Rothewand inspicirt. Der Spulriese ist ein seelenguter Kerl und thut Niemanden ein Leid, und hat besonders die Madeln und Buama gern, wenn sie hübsch dudeln und singen. Er trägt einen langen, silberglänzenden Bart, wodurch er sein hohes Alter dokumentirt. Sein Gang ist, in Folge der ungleich langen Füße, stark hinkend, trotzdem aber so schnell wie der Blitz, so daß er flugs von einem Ort zum anderen gelangen kann. Hört der Riese längere Zeit nicht Dudeln, so wird er mürrisch, wobei er immer länger und kräftiger wird. Und wenn der Gesang ganz verstummte, so würde er seine ursprüngliche Größe und Stärke wieder erlangen, die er in der Hexenperiode inne hatte, wo er dann in seinem Zorne die schöne Prigglitzer Hochgalerie in Trümmer schlüge.
Nachdem sich die Prigglitzer dieser Gefahr beileibe nicht auszusetzen gedenken, so singen sie aus Leibeskräften auf allen Höhen und Enden, dass es bei den Wänden widerhallt, wobei sie sich, wenn sie bei der Rothenwand vorüberziehen, ganz besonders in's Zeug legen. Ein Männergesangsverein, wenn er hier einen Riesenchor losließe, müsste den Spulriesen windelweich machen.
Dechant Schneiders Geistergeschichten.
Folgende Geschichten sind aus der Leitgeb-Chronik S.97 bis 100 übernommen:
In der Leitgeb Chronik ist dazu vermerkt: Dem Herrn Canonicus Dr. Dwoschak, der die Sagen aus dem Munde Schneider's hörte, getreulich nacherzählt.
Das Paradies der Präadamiten
In der Urzeit war die Erdachse fest eingefroren, weshalb von einer Erdachsendrehung, von einer Erdlaufbahn um die Sonne, von einem Wechsel von Tag und Nacht keine Rede sein konnte. Die Erdkugel stand unbeweglich im Himmelsraume und die Sonne beleuchtete consequent immer nur eine und dieselbe Erdhälfte. Der Mond existirte damals noch nicht. Demgemäß war die eine Erdhälfte immer licht und warm, die andere immer finster und kalt. Auf der lichten Erdhälfte war das Paradies der Präadamiten, die dasselbe bewohnten. Die finstere Erdhälfte war mit einer dichten Eisdecke umzogen, wo kohlrabenschwarze Hexen umher lagen, die sich in Folge der grimmigen Kälte nicht bewegen konnten. Die Präadamiten, welcher Name in jedem Fremdwörterbuch erklärt ist, waren die vor Adam lebenden Menschen, die weder den Tod noch andere Mühseligkeiten kannten. Zweiköpfige Adler, die vom Olymp geflogen kamen, brachten je ein Menschenpaar, wobei das Männchen auf den rechten, das Weibchen auf den linken Adlerhals zu sitzen kam. Die Präadamiten waren überaus glücklich und liebten sich unendlich, weshalb sie auch viele Kinder bekamen, welche ihnen die Störche in Schnäbeln daher trugen. Diese Kinder waren allerliebst, konnten gleich laufen, selbst essen, trinken, geläufig sprechen und leisteten ihren Eltern den pünktlichsten Gehorsam. Die Präadamiten blieben immer jung und schön, ernährten sich von Feigen und Weintrauben, welche es im Paradies in Hülle und Fülle gab. Ihren schönen, schneeweißen, wie Alabaster glänzenden Leib bedeckten sie mit Feigenblättern, die damals so immens groß waren, dass man mit einem einzigen Blatte den größten Menschen ein paarmal umwickeln konnte. Die Finsternis war diesen edlen Geschöpfen unbekannt. Das war das paradiesische Zeitalter der Präadamiten.
Der Hexentanz
Die intensiven Sonnenstrahlen drangen immer tiefer in das Erdreich ein; aus dem schmelzenden Eis bildete sich das Weltmeer; die Erdachse thauete auf und die Hexen erwachten aus ihrem eisigen Schlaf. Das Geheul und Toben der Hexen versetzte die Präadamiten in Schrecken und brachte den Erdball in's Schwanken. Die Erdachse knarrte fürchterlich, da sie noch mit dem Polar=Eis zu kämpfen hatte. Ein Ruck, wobei sich die Erdachse unter fürchterlichem Krachen von den letzten Fesseln losriß, schleuderte die Präadamiten auf die finstere Erdhälfte hinüber, wo sie dann — o weh — von den wuthschnaubenden Hexen in tausend Stücke gerissen wurden. Große Ströme Blutes flossen, das Meer wurde ganz roth gefärbt. Daher das rothe Meer, das in der Urzeit bis zur Prigglitzer Rothenwand reichte. Nachdem sich von dieser Zeit an der Erdball um seine Achse drehte, wobei der Tag= und Nachtwechsel eintrat, so mußten auch die Hexen um die Erde wandern, da ihnen die hellleuchtenden Sonnenstrahlen immer nachrückten, die sie nicht vertragen konnten. Durch Jahrtausende hindurch mußten die Hexen um die Erde laufen, wobei das herrliche Paradies ganz zerzaust und verwüstet wurde. Von einer Erdlaufbahn um die Sonne war damals noch keine Rede. Das war das Hexentanz=Zeitalter.
Die colossalen Riesen und ihre Wunder
Als Gott der Herr den Mond aushieng, womit die Finsternis von der Erdkugel verschwand, fuhren die Hexen a tempo in die Erde, durch welchen Stoß die Erdkugel aus ihrer fixen Stellung geschleudert und zum Wandern um die Sonne gezwungen wurde. Seit dieser Zeit datirt die elliptische Laufbahn unseres Erdballes. Ein stinkender schwefeliger Rauch bezeichnete die Stellen, wo die Hexen in die Erde fuhren. Im Höllenthal bei Reichenau war ein solches Loch, wo die Hexen zur Zeit der Neumondes aus- und einflogen. Aus dem Blute der Präadamiten entstanden colossale Riesen, die bei jedem Hexenloch einen Riesenkeller anlegten. Die Riesenfässer, die aus dem blutgetränkten Meeresschlamm formiert wurden, füllten sie mit Rebensaft an, den die Riesen aus den Weintrauben gepresst hatten. Kaum war der Most eingefüllt, so fing es in den Fässern zu blitzen und zu donnern an, was eben die Folge der Weingärung war. Als nämlich die Riesen aus dem Meere stiegen, war das Festland mit lauter himmelhohen Weinstöcken übersäet und die Weintrauben, die massenhaft daran hiengen, hatten eine solche Größe, dass ein Riese an einer einzigen Traube genug zu tragen hatte. Die Riesen trugen diese aus dem Präadamitenblute entsprossenen Weintrauben auf ihrem Rücken bis zum Riesenfaß, wo dann die Trauben mit den Riesenhänden ausgepresst wurden, wobei der picksüße Rebensaft durch die Riesenfinger hindurch gleich dierect in das Riesenfass abfloss. Der Riesenwein bestand aus purem Weingeist, der die Riesenfässer in festen Kalkstein umwandelte. Hieraus erklärt sich das Aufbrausen des gebrannten Kalkes, wenn er gelöscht wird; hieraus erklärt sich auch seine bindende Kraft bei Ausführung fester Gemäuer. So weit heute der Kalkstein reicht, so weit reichte in der Urzeit der Riesenkeller. Der Kalkstein, der sich in Prigglitz=Christof massenhaft vorfindet, ist demnach ein von Riesenwein geschwängerter Meeresschlamm, dessen Ursprung in die Riesenzeit fällt. Dieser starke Wein wurde den Hexen zum Verhängniß. Denn, als der Wein ausgegoren hatte, gossen ihn die Riesen in die Höllenlöcher, wo er die Hexen derartig juckte, daß diese Bestien Feuer aus den Höllenlöchern sprühten. Seit dieser Zeit datiren die feuerspeienden Berge. Das höllische Feuer, das die Hexen aussprühten, ist brennender Riesenwein, der infolge der Reibungen mit Hexen in Brand gerieth und seither nie wieder erlosch.
Millionen von Hexen, die der starke Weinalkohol in Raserei versetze, flogen aus dem Höllental auf, wo sie dann der im Gahnsriesenfaß befindliche Wein magnetisch anzog. Wie kreuz und quer lagen diese Bestien auf dem Gahnsboden umher, wo ihnen dann von den Riesen die schweinskopfähnlichen Köpfe abgerissen wurden. Der Saurüssel bei Reichenau, wo die Hexenköpfe aufgethürmt wurden, rührt aus dieser Zeit. lm Schwarzatal stand Riese an Riese. Diese schlugen und wuzelten die Hexenkadaver windelweich, wobei sich die Riesen felsengroßer Steinklötze bedienten. Daher Schlöglmühl. Aus den Hexengedärmen flocht der Spulriese sein Riesenseil, das er auf der Rothenwand nach Fischen auswarf. Aus den silberglänzenden Hexenknochen entstand der Silbersberg und das Hexenfett wurde in der Schmalzgrube angesammelt. Der Christofer Kohlberg besteht aus lauter kohlrabenschwarzem Hexenstaub, der sich beim Wuzeln von der Hexenhaut loslöste. Das ganze Schwarzathal war zur Zeit der Hexenmassakrirung ganz schwarz. Daher Schwarzenberg, Schwarzkogl, Schwarzau, Schwarzafluss, Schwarzathal. Als das mehrere 100 Meilen lange Riesenseil fertig war, wurden die noch erübrigten Hexen ungeöffnet übereinander aufgethürmt, mit Riesenwein übergossen und dann in Brand gesteckt, das wie Schwefel brannte. Daher Sengert, Brandgupf, Kohlanger. Als den Hexen die Köpfe abgerissen wurden, krächzten sie "Gaaahns"; daher der Name des Gahnsgebirges*). Der Erdmagnetismus stammt von Riesenwein, der sich im Erdinneren massenhaft vorfindet. Dieser Wein zieht am liebsten wieder Wein an. Und nachdem, aus der Riesenzeit her, sämmtliche zur Erdkugel gehörigen Stoffe von Weinalkohol durchdrungen sind, so müssen alle auf und in der Erde sich vorfindlichen Körper dieser Anziehung Folge leisten. Hieraus erklärt sich das große-Schwergewicht bei Betrunkenen, bei denen die im Körper befindlichen Weinquantitäten eine stärkere Anziehung ausüben, was die Betrunkenen häufig zu Boden wirft.
*) Gahns von Gahms (Gämse)
Erzählungen
In der Leitgeb-Chronik von 1885 findet sich folgender Bericht auf Seite 8:
Prigglitz war der Sage nach einst ein Jagdrevier der österreichischen Herzöge; ihr Jagdschloss soll im Göschergraben gestanden und das Christofer Kirchlein deren Schlosskakpelle gewesen sein. Turniere, Pfeilschießen, Jagdfeste mit Wolfsspielen sollen hier in Scene gegangen und die Hochgallerie des Gahns, wie Gahnshof, Forstanger, Doppel, Kohlanger, Dreitannen, Sengert, Spielstatt, Schießgrüben, Kleewiese, Brandgupf der Tummelsplatz dieser Festivitäten gewesen sein. Jägerhäuser standen bei Grabnerhof P 11, Nockenhof P 21, Gahnshof P 20, Kiengraber St 2, Kleehof G 6, Schuhhaberlhof P 18 und auf der Kleewiese. Die Mauerbäume auf der Dammwiese und im Saubachgraben bei G 15 markieren die Stellen einstiger Wildteiche. Die zu Rotenwand aufsteigenden Fahrwege, sowie der auf dem Kohlanger künstlich angelegte Weg (Kohlangerdamm), sollen aus dieser Zeit stammen. Zu Prigglitz gab es damals viele Bären, daher Perneben d. i. Bären-Ebene, Bärneben, welcher Name sich noch erhalten hat. Das Plateau auf der Wernhard'schen Kogelwand (Südseite) trägt diesen Namen. Im Wernhartshof P 9 spricht man auch von zwei Bärenbäumen, auf welchen die Bären herumgeklettert sein sollen. Im Saubachgraben waren damals viele Wildschweine, daher Saubach und Saubachgraben; und der Wolfsberg erinnert an Wölfe, die in Prigglitz seinerzeit schrecklich wütheten.
Über das Wüthen der Raubthiere erzählt das Prigglitzer Gedenkbuch Fol. 30 b folgendes: "Die gothische Monstranze ist von Hieronimus Neuperger, Pfarrer hierselbst, angeschafft und im Jahre 1516 geopfert worden. Dieser Pfarrer, so erzählt man sich, hatte einst im Winter bei hohem Schneefall einen Versehgang zu machen, da überfielen ihn die Wölfe, was bei den damals sehr ausgedehnten Waldungen eben nichtas Unmögliches sein mochte, dass Wölfe und andere Raubthiere in diesen weitläufigen Jagdrevieren sich aufhielten. In dieser Todesgefahr gelobte er Gott ein Opfer auf den Altar zu legen, dergleichen weit und breit nicht gefunden werde. Er entkam glücklich der Gefahr und die Lösung seines Gelübdes war diese Monstranze, welche als seltenes Kunstwerk jeden Kenner überrascht." An anderer Stelle heißt es weiter: "Zur Zeit des Türkeneinfalls rettete der damalige Pfarrer (Schott) die Pracht=Monstranze nur durch seine große Geistesgegenwart. Als die beutegierigen Türken eindrangen ins Land, und plötzlich eine Schaar Feinde nach Prigglitz vordrangen, nahm der Herr Pfarrer diese Monstranze mit dem Sanctiffimum unter den Talar, eilte in das unter der Kirche befindliche Beinhaus, legte sich auf die Erde hin, riß einen Haufen Todten Gebeine um, damit er so ganz bedeckt nicht aufgefunden werde. Als diese wilden Schaaren, die jämmerlich wütheten in Kirche und Pfarrhof, abgezogen waren, wurde er von seinen Leuten gesucht und endlich im Beinhause gefunden; und so wurde dieses Kunstwerk gerettet und seiner Gemeinde erhalten."
Im Gehöft auf der Kleewiese, dass vor Zeiten daselbst gestanden, brachen unter den Riegelwänden Wölfe ein und überfielen fünf Kinder, die allein zu Hause waren. Als die Bauersleute von der Christmette heimkehrten, fanden sie zu ihrem Entsetzen nur mehr zwei ihrer geliebten Kinder am Leben. Die anderen drei fielen den hungrigen Wölfen zum Opfer. (Tage am Kleehof G 6). — Ueber den Ursprung der Prigglitzer Pfarrkirche geht folgende Sage: "Der erste Kirchenbau zu Prigglitz soll auf der Pfarrahald begonnen worden sein, von welchem Baue noch die Grundmauern zu sehen sind (Ehde Kirche). Während des Kirchenbaues erschien daselbst ein Hirsch, der ein Heiligenbild zwischen den Geweihen trug, welche Erscheinung den Erbauer bestimmte, die Kirche dorthin zu bauen, wo der sogenannte Wildhirsch, auf den sofort Jagd gemacht wurde, verenden werde. Die Prigglitzer Pfarrkirche soll nun auf jener Stelle stehen, wo der mit einem Pfeile tödtlich getroffene Hirsch todt zusammenbrach. Lange Zeit prangte das "Bildgeweih" als Luster in der Pfarrkirche, dann auch in der Christofer Kirche, woselbst sich mit demselben ein Herr vom Schloss einen argen Spaß mit den Worten "Tanz-Kredl" (indem er den Luster in drehende Bewegung versetzte), erlaubt haben soll. Das Verhängnis wollte es, dass sich dieser Herr noch am selben Tage den Fuß brach. Heute soll sich das genannte Bildgeweih in der Liechtenstein'schen Schatzkammer zu Seebenstein befinden."