Ein Fluß, der Angst vor dem Meer hatte.
Liebe Leserin, lieber Leser.
„Glaubst Du an Gott?“
„Und wer oder was ist Gott für dich?“
Du weißt es nicht genau…?
Ich mag es, daß du / wir es nicht genau wissen. Stell dir nur vor, alle wüßten ganz genau, wer Gott ist. Dann könnte sich niemand mehr darin üben, wahrhaftig zu glauben und zu vertrauen.
Ich bin auch überzeugt, daß wir alle miteinander verbunden sind. Vieles Trennende ist nur eine Illusion. Diese Überzeugung hilft mir, daran zu glauben, daß das Leben einen Sinn erfüllt. Und, daß am Ende alles gut sein wird.
Warum ich so hoffnungsvoll bin…?
Die nachfolgende Geschichte vom (Lebens-)Fluß, wird vielleicht auch dir Hoffnung machen.
Es war einmal ein Fluß, der Angst vor dem Meer hatte. Die Vögel und der Wind hatten ihm erzählt, wie mysteriös und unheimlich das Meer war, wie wild und stürmisch es sein konnte. Niemand hatte bisher auf seinen Grund sehen können, niemand wußte, was sich in seiner tiefsten Tiefe befand. Was der Fluß allerdings sehr wohl wußte, war, daß das Meer am Ende des Weges auf ihn wartete und daß es nichts gab, was er dagegen tun konnte. Früher oder später würde er hineinfließen. Der Gedanke ließ den Fluß erschaudern: Was würde dann aus ihm werden…? Würde er sich verlieren, würde er für immer verschwinden…?
Jeden Tag näherte er sich der Mündung ein bißchen mehr. Er schlängelte sich durch tausende Täler, vorbei an hohen Bergen und dunklen Wäldern, vorbei an Dörfern und Hügeln und unzähligen Feldern. Je näher er dem Meer kam, desto größer wurde seine Angst. Er versuchte, sich gegen sein Schicksal zu stemmen, er floß immer langsamer, wolle umkehren und flutete sogar das halbe Land. Doch alle Versuche waren vergeblich. Der Fluß konnte seinem Schicksal nicht entfliehen. Bald würde seine Reise zu Ende sein, bald würde es ihn nicht mehr geben.
Kurz bevor er das Meer erreichte, war er größer als je zuvor, aber leider fühlte er sich auch einsamer als je zuvor. Niemand würde ihn auf den letzten Metern begleiten können. Er war alleine und würde schon bald von der Dunkelheit verschlugen werden.
Doch dann hörte er plötzlich eine Stimme, die sagte, er solle loslassen und vertrauen. Er wußte nicht, wo die Stimmer herkam, aber sie sprach klar und deutlich, sanft und liebevoll. Der Fluß wehrte sich ein letztes Mal, dann gab er auf. Vielleicht, so machte er sich Mut, war das Loslassen die einzige Möglichkeit, die Angst zu überwinden.
Und tatsächlich: Der Fluß ließ los und die Angst verschwand. Und als er ins Meer floß, wurde er zu seiner Überraschung nicht verschlungen, sondern in den Arm genommen.
Statt zu sterben, war er nach Hause gekommen.
Quelle: Mikosch, C. (2025). Der kleine Buddha und der Sinn des Lebens. Der hoffnungsvolle Heilige (1.Auflage). Freiburg: Verlag Herder.
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